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Revolutionierte die Drucktechnik – der Heidelberger Tiegel


expressSorgte 1914 für Furore: der Tiegelautomat Express. Das größte Manko der Tiegeldruckpressen war über Jahrhunderte hinweg die umständliche Handanlage, durch die die Druckleistung auf 400 bis 600 Bögen in der Stunde begrenzt wurde. Erst 1913 gelang es dem Kölner Buchdrucker Karl Georg Ferdinand Gilke, der 1912 nach Heidelberg gekommen war, das zeitraubende manuelle Ein- und Auslegen der Druckbögen durch die Entwicklung des Propellergreifers – "eine selbständige An- und Ablegevorrichtung, bei der das Anlegen des Bogens durch einen Wenderechen bewirkt wird, welcher den Bogen seiner ganzen Fläche nach unterfaßt, ansaugt und beim Auflegen auf den Tiegel durch Blasen festdrückt" (aus der Patentschrift) - zu mechanisieren.


1914 sorgt die Schnellpressenfabrik A.G. Heidelberg auf der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik (Bugra) für Furore. Das Unternehmen präsentiert dort erstmals die Tiegeldruckmaschine „Express“, durch die die kostengünstige Massenproduktion einer Vielzahl von Kleinformaten ermöglicht wird. Der Heidelberger Druckautomat revolutionierte den Akzidenzdruck und setzte neue Maßstäbe in Sachen Wirtschaftlichkeit. Bereits der Prototyp mit Propellergreifern brachte es auf die stolze Druckleistung von 1000 Bögen in der Stunde, womit er die herkömmlichen Maschinen mit manueller Hand-An- und -Ablage weit hinter sich ließ.

 

Bedingt durch die Auswirkungen des 1. Weltkrieges - der Markt für Druckmaschinen kam mit  dessen Beginn im August 1914 völlig zum Erliegen - ging der Heidelberger Tiegeldruckautomat erst 1921 in Serie. Unter Viktor Jereczek wurde der Tiegeldruckautomat ab 1922 entscheidend verbessert: Ein Kniehebelsystem dämpfte die zu lauten Schlaggeräusche und steigerte die Druckkraft, was mit einer besseren Druckqualität einher ging. Außerdem wurde die Stundenleistung erheblich gesteigert, pro Stunde konnte der "Heidelberger Druckautomat"  nunmehr 2.500 bis 3000 Bögen bedrucken. 1926 beginnt dann Heidelberg als erster deutscher Druckmaschinenhersteller, den „Heidelberger Druckautomaten“  am Fließband herzustellen.

 


Erfolgreiche Marketingstrategie

VorfuehrwagenGeniales Marketing: Die Tiegel wurden auf Vorführwagen montiert. Dass der Tiegelautomat zum erfolgreichsten Heidelberg-Produkt seiner Zeit wird, ist u.a. auch der ausgefeilten Marketingstrategie des Heidelberg-Vorstandsmitglied Hubert H. A. Sternberg zu verdanken. Auf ihn geht auch der Name „Heidelberger Tiegel“ (OHT) zurück, der der ansich eher seelenlosen gußeisernen Konstruktion der Tiegeldruckmaschine etwas romantisches Flair verleihen sollte.

 

Da sich Produkte per Katalog generell schwerer verkaufen lassen, als wenn der Kunde sie direkt vor Ort in Augenschein nehmen kann, kam Sternberg auf die glorreiche Idee, den Heidelberger Tiegel auf Vorführwagen zu montieren und ihn so in voller Funktion von Technikern direkt bei den Druckereien vorstellen zu lassen. Die mechaniker warteten bei dieser Gelegenheit gleich die restlichen Druckmaschinen von Heidelberg bei den Kunden. Bereits 1937 gingen so 25 Vorführwagen in Frankreich, Großbritannien, Argentinien, Brasilien, Indien, Südafrika, Australien, Portugal, den Niederlanden und in der Schweiz auf Verkaufstour.

 

Außerdem wurde den Druckereien unter dem Motto "Die Heidelberger bezahlt sich von selbst" die Entscheidung durch das Angebot von Ratenzahlungen erleichtert. Sternbergs einfache Formel: Durch die Heidelberger lässt sich die Monatsproduktion so beträchtlich steigern, dass die Maschine locker die Ratenzahlungen nebst einem angemessenen zusätzlichen Gewinn für den Druckereibesitzer erwirtschaftet. Jeder fünfte Besteller wurde zudem ins Stammwerk von Heidelberg eingeladen, wo er live die Geburt seines Heidelberger Tiegels erleben durfte. Als zusätzliches Kundenbindungsinstrument wurde bereits damals die Zeitschrift "Heidelberger Nachrichten" herausgebracht, in der die Schnellpressenfabrik 100 Reichsmark "für die beste Arbeit des Monats auf dem Heidelberger Druckautomaten" auslobte. Die Hälfte der Summe erhielt der Maschinenbesitzer, die andere der Drucker. Verkaufsstrategien, die ihre Wirkung nicht verfehlten: Der Absatz boomte, die Produktion musste gesteigert werden.

 

Mehr als 100 Maschinen verließen damals monatlich die Werkshallen. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt gab Sternberg das Ziel vor, die Produktionsleistung zu verdoppeln, was sich nur mit modernen Werkzeugmaschinen realisieren ließ. So setzte das Unternehmen schon 1927  unter anderem eine große Flächenschleimaschine ein, mit der die Fundamentfläche des Tiegelgrundgestells sowie die Druckfläche 14mal schneller als mit der Hand auf ein hunderstel Millimeter genau plangeschliffen werden konnten. Hinzu kamen noch weitere Spezialwerkzeugmaschinen wie Reihenbohrmaschinen, Verzahnungsmaschinen, Revolverdrehbänke und Kopierfräsen, die in den eigenen Werkstätten konzipiert und gebaut wurden.

 

Auch die Arbeitsabläufe änderten sich: Die einzelnen Maschinenelemente wurden zu Gruppen zusammengefasst und von den Arbeitern an Wandertischen und laufenden Bändern montiert. Die Schnellpressenfabrik betrat damit technologisches und organisatorisches Neuland und gehörte somit zu den ersten Unternehmen neben der Automobil- und Elektroindustrie, die die von Henry Ford erfundene Fließbandfertigung übernahmen. Im Jahr 1929 konnten durch eine Fusion mit der Maschinenfabrik Geislingen (M.A.G.) die Gießereikapazitäten der Schnellpressenfabrik A.G. Heidelberg abermals gesteigert werden. Anfang der 30er ergänzte die Schnellpressenfabrik ihr  Lieferprogramm mit einer größeren Version des Tiegeldruckautomaten, der ab sofort als "Der große Heidelberger" offeriert wurde, während der Klassiker  "Super Heidelberger" getauft wurde.

 

Während des Zweiten Weltkrieges brachen sowohl die Auslands- als auch die Binnennachfrage für Druckmaschinen abermals zusammen. Statt der "Super-Tiegel" wurden Drehbänke an den Fließbändern für die zu Junkers gehörige Magdeburger Werkzeugmaschinenfabrik gefertigt, welche vor allem für den Flugzeugbau benötigt wurden. Als die Tiegelproduktion 1947 wieder aufgenommen wurde, hatt Heidelberg mit großen Engpässen bei der Rohstoffproduktion sowie den Hemmnissen der völlig zerstörten Infrastruktur zu kämpfen. 1950 wurde dann der 100. Geburtstag des Unternehmens groß gefeiert, die Heidelberger Tiegel wurden fortan mit einer bronzenen Plakette "Gott grüß´die Kunst - 100 Jahre Heidelberger Druckmaschinen" ausgeliefert.

 

Im Jubiläumsjahr fand in Düsseldorf erstmals die Internationale Messe für Druck und Papier - kurz Drupa genannt - statt. Sie löste die Leipziger Messe für Buchdruckgewerbe und Graphik (Bugra) der Vorkriegszeit als Fachmesse für die grafische Industrie in Westdeutschland ab. Während der Drupa stellte Heidelberg eine abermals verbesserte Version des Heidelberger Tiegels vor, die sich durch eine auf 5000 Bogen erhöhte Druckgeschwindigkeit auszeichnete. Diese maschinen erhielten den Namen "Original Heidelberg", um sich von den nicht lizensierten Plagiaten aus der Tschechoslowakei abzuheben.1957 eröffnete Heidelberg nach einem Jahr Bauzeit ein neues Werk in Wiesloch/Walldorf, wodurch die Produktivität  abermals kräftig gesteigert werden konnte.

 

Heidelberger_Tiegel
1967 wurde ein neuer, verbesserter
Maschinentyp auf der DRUPA vor-
gestellt. Erkennbar an dem recht-
eckigen, schwarz unterlegten
Greiferschutz.

Heute noch vielerorten im Einsatz

Der Heidelberger Tiegel ist bis in die heutige Zeit hinein ein Klassiker, der in vielen Druckereien noch im täglichen Einsatz ist. Seine Bedeutung als Buchdruckmaschine hingegen ist nur noch marginal, hauptsächlich werden Heidelberger Tiegel im 21. Jahrhundert zum Stanzen, Nummerieren oder Prägen verwandt. Im Bereich der Produktion von „Druckerzeugnissen“ für Blinde hat der OHT nach wie vor eine herausragende Bedeutung. Aufgrund des relativ leichten Handlings wird die Heidelberger Windmill auch gerne von der – seit einigen Jahren vor allem in Amerika aufkommenden – Letterpress-Szene eingesetzt.

 

Bis zur Einstellung der Produktion im Jahr 1985 wurden insgesamt 165.000 Original Heidelberger Tiegel gebaut. Die Maschinen gelten als nahezu unverwüstlich, zahlreiche noch heute im Einsatz befindliche Heidelberger Tiegel sind bereits über ein halbes Jahrhundert alt.

 

Bemerkenswert ist vor allem, dass sich das Grundprinzip des Heidelberger Tiegels in all den Jahrzehnten nicht grundlegend verändert hat. Verbesserungen wurden immer wieder in kleinen Schritten vollzogen. Ein weiterer  Evolutionsschritt wurde auf der Dupa 1967 vorgestellt: Da die Auftragswalzen bei den neuen Tiegelmodellen mit nur einem Handgriff im oberen Totpunkt abgestellt werden können, müssen sie nicht mehr wie bei den Vorgängermodellen beim Stanzen und Prägen aus dem Walzenstuhl herausgenommen werden. Außerdem konnte die Stundenleistung von 5000 Drucken auf 5500 gesteigert werden, was einer Mehrleistung von zehn Prozent entspricht.

 

Zudem wurde bei den neuen Tiegeldruckautomaten der Puderbestäuber mit der Druckstellung gekoppelt, wodurch nunmehr nur noch bei angestelltem Druck gepudert wird und die Gefahr des Abziehens entfällt. Zusätzlich ist bei allen Modellen die Druckgeschwindigkeit auf den ersten Blick an der serienmäßig eingebauten Geschwindigkeitsanzeige ablesbar. Rein äußerlich sind die Modelle des Heidelberger Tiegels nach 1967 an dem rechteckigen, schwarz unterlegten Greiferschutz sowie dem völlig geschlossenen, grauen und lediglich durch eine Klappe nach oben zu öffnenden Schwungradschutz zu erkennen.

 

Insgesamt gibt es sechs Modelle des Heidelberger Tiegels, die sich hinsichtlich des Druckformates und des Einsatzbereiches unterscheiden:

         - Original Heidelberger Tiegel 26 x 38 Zentimeter

TP        - Original Heidelberger Tiegel 26 x 38 Zentimeter mit Sondereinrichtung für den Heißprägedruck mit Rollenfolien

GT       - Original Heidelberger Tiegel 34 x 46 Zentimeter

GTS    - Original Heidelberger Tiegel-Stanzautomat 34 x46 Zentimeter (ohne Walzenstuhl)

GTK    - Original Heidelberger Kombinationstiegel zum Drucken und Stanzen 34 x 46 Zentimeter

GTP    - Heidelberger Spezial-Stanz- und Prägeautomat für Gold- und Farbrollenfolien und Heißprägen 34 x 46 Zentimeter

 

Kommentare 

 
+1 #2 A. Grulms 2010-11-24 11:44
:-) Unsere Druckerei hat 1925 auch mit einer Tiegeldruck-Presse angefangen. Da ich gerade auf Recherche-Tour rund um die Geschichte des Druckens bin, hat mir der Beitrag sehr weiter geholfen.
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+5 #1 Thomas Leber 2010-06-12 20:25
Vielen Dank für diesen rundherum erschöpfenden Beitrag rund um den Heidelberger Tiegel. Nach diesen Informationen habe ich lange im Netz gesucht! Sie haben mir sehr weiter geholfen.
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