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Von Stempelschneidern und Schriftgießern

In der Schriftgießerei  werden die für den traditionellen Buchdruck mit beweglichen Lettern erforderlichen  Schriften oder Typen (Lettern) hergestellt.  Erster Schriftgießer Deutschlands war Gutenberg, denn bereits die 36zeilige und die 42zeilige Bibel wurden mit gegossenen Typen gedruckt. Zunächst gossen die Buchdrucker ihre Schriften selbst. Und das auch noch zu Zeiten, als es bereits Stempelschneider gab, die sich auf die Anfertigung von Patrizen (Stempeln) spezialisierten. Wann sich die Schriftengießerei zu einem eigenständigen Geschäftszweig entwickelte, ist  historisch nicht verbürgt.

 

Nürnberg war der erste Stapelort  (=Städte, welche das Recht haben, mit ihren eigenen Schiffen zur Ein- und Ausfuhr von Waren in fremde Orte oder Länder zu fahren)  für Stempelschneiderei und versah Buchdruckereien und Schriftgießereien mit Matrizen; in Italien war Nikolaus Jenson, in Frankreich Stephanus Estienne dafür bekannt; England erhielt bedeutende Stempelschneider erst mit Baskerville  und Caslon. Bis dahin wurden die Typen zumeist aus Holland importiert.

Deutschland besaß, nachdem J. G. I.  [Johann Gottlob Immanuel]  Breitkopf die Schriftgießereien reformiert hatte, eine beträchtliche Anzahl solcher, zum Teil sehr leistungsfähige, Betriebe.

Die Technik der Schriftgießereien  hat sich zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts  durch die Erfindung und Weiterentwicklung  der Letterngießmaschine wesentlich weiter entwickelt. Bereits 1805 meldeten William Wing und Elihu White eine Schriftgießmaschine  zum Patent an; doch die erste produktionstaugliche Gießmaschine wurde erst 1838 von David Bruce in Brooklyn entwickelt. Bis dahin bediente man sich nur des Handgussinstruments. Dessen Form  bestehet, wie auch bei den Gussmaschinen,  aus zwei gleich großen, genau schließenden Hälften aus Eisen, Stahl oder Messing. Diese konnten, der Stärke der Type entsprechend, enger oder weiter gestellt und schnell auseinander genommen werden. Das Handgussinstrument ist außen mit Holz verkleidet, um die ungefährliche Handhabung auch nach Erhitzen der Metallteile zu ermöglichen. Sind beide Teile der Form zusammengelegt, so bleibt immer ein nach innen  gewandter Trichter frei, in welchen das Metall für den Buchstaben eingefüllt wird. Ihr Reliefbild erhält die Type über eine eingelegte Kupferform (Matrize), die das spiegelverkehrte Bild als Vertiefung trägt.

Die Matrizen werden durch Einschlagen von Stahlstempeln (Patrizen) in Kupfer erzeugt. Oder über ein galvanoplastisches Verfahren, das vor allem bei größeren Schriftgraden  -  bei welchen die Patrizen nicht in Stahl  sondern meist in Schriftmetall geschnitten werden und deshalb auch nicht eingeschlagen werden können - zur Anwendung kommt. Das  Fertigmachen für den Guss, das sogenannte Justieren, muss mit größten Sorgfalt geschehen, da hiervon das gute Aussehen der Schrift im Druck wesentlich abhängt. Die Stempel bestehen aus  gehärteten Stahlstäbchen, die an einem Ende den Buchstaben tragen, der teils durch Gravur oder das Einschlagen von Kontrastempeln (Bunzen), erhaben herausgearbeitet wird.
Das Schriftmetall (Schriftgut, Schriftzeug, Zeug) besteht aus einer Legierung, welche leicht schmelzen, die Form gut ausfüllen und doch hinreichend hart sein muss, um sich beim täglichen Gebrauch  in den Hand- oder Schnellpressen  nicht allzu schnell abzunutzen. Gleichzeitig muss die Legierung einen scharfen Abdruck auf dem Papier ergeben. Zum Guss von sogenannten  Brot- oder Werkschriften wird  in Deutschland eine Mischung aus etwa 75 Prozent Blei (gutes Harzer oder sächsisches Weichblei), 23 Prozent  gereinigtem Antimon (Antimonium regulus) und 2 Prozent  Zinn verwendet. Soll den Typen eine besondere Härte verliehen werden, so wird der Zusatz von Antimon und Zinn erhöht und ggf. ein geringer Prozentsatz an Kupfer hinzugefügt. Seit  Erfindung der Galvanoplastik wird das Bild der fertigen Type, um es widerstandsfähiger zu machen, auch mit einem Kupfer-, Eisen- oder Nickelüberzug versehen. Außer einer gleichmäßigen Dick(t)e (dem Kegel) erfordern alle Typen auch eine unter sich gleichmäßige Höhe; die etwa 24 mm beträgt. Über lange Zeit hinweg war die Schrifthöhe nicht genormt;  erst ein Abkommen zur Einführung der französischen oder Pariser Höhe, welche 10½ Linien des Pied du roi oder 62½ typographische Punkte (eine von dem französischen Gießer P. S. Fournier geschaffene Maßeinheit)  beträgt, schuf hier einen Standard.  H. Berthold in Berlin ist es zu verdanken, dass 1898 die Deutsche Einheitshöhe mit 23,57 mm eingeführt wurde.


Das im Gießofen geschmolzene Schriftmetall wird unter sorgfältiger Entfernung des sich auf dessen Oberfläche bildenden Oxyds (Krätze) beim Handguss mit einem Löffel oder  in der Maschine durch diese in die Form gegossen.

 

Die tägliche Leistung eines Arbeiters in einer Schriftgießerei betrug  4-7000 Lettern, bei großen Schriften war die Tagesleistung wesentlich geringer. Auf einer Maschine konnten in den Anfängen  etwa 20,000 bis 25,000 Typen (Werkschrift) an einem Tag  gegossen werden, wobei diese Leistung durch die technische Weiterentwicklung in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts noch einmal erheblich gesteigert werden konnte.


Der Betrieb der Gießmaschine erfolgte entweder durch Hand,  Dampf- oder Elektrobetrieb. Der Handguss wurde im vergangenen Jahrhundert nahezu gänzlich vom  Maschinenguss verdrängt und kam  fast nur noch bei Lieferung kleiner Mengen zur Anwendung.


 Wenn die Lettern aus der Gussform kommen, müssen der Gusszapfen abgebrochen  und die feinen Gussnähte -  Unebenheiten, welche durch das Eindringen des flüssigen Metalls in die Fugen der Form entstehen -  durch Schleifverfahren beseitigt werden.  Hierbei kommen auch spezielle Maschinen (Letternschleifmaschinen) zum Einsatz, bei denen das Schleifen zwischen Stahlplatten mit Feilenhieb erfolgt.


Anschließend  gelangen die Lettern, in langen hölzernen Winkelhaken aufgesetzt, in die Hände des Fertigmachers, der die ganze Reihe auf dem Bestoßtisch zwischen zwei eisernen Leisten fest einspannt  und mit einem hierfür konstruierten Fußhobel den noch verbliebenen Rest des Angusses abträgt, wobei zugleich die Höhe mittels des Höhehobels nochmals geprüft und nötigenfalls korrigiert wird.

 

Danach wurde die ganze Typenreihe wieder in einen hölzernen Winkelhaken eingespannt, damit die Vorder- und Rückseite mit einer Ziehklinge vollends geglättet werden kann. Nach der  Prüfung der Höhe  mittel eines Besehbleches wird auch noch das Typenbild  auf Makellosigkeit kontrolliert.


Unterschnittene Typen, d. h. Lettern, deren Bild nach der einen oder anderen  Seite breiter ist als ihr Körper und somit über diesen hinausragen, können zu den betreffenden Seiten hin nicht geschliffen, sondern müssen mit einem Messer einzeln geschabt und geebnet werden. Zur Herstellung großer Typen bedient man sich eigens konstruierter, sehr kräftig wirkender Gießmaschinen oder auch der Klischiermaschine.


Ebenso dienen zum Guss des Ausfüllmaterials (Quadraten, Durchschuss, Blei- oder Hohlstege) eigene Instrumente und Maschinen, ebenfalls wie für die langen, in Tabellen etc. zur Verwendung kommenden Linien. Letztere erhalten ihre richtige Stärke und Höhe erst auf einer Ziehbank, während das Bild auf dem Bestoßtisch mit speziellen Hobeln eingestoßen wird (feine, fettfeine, azurierte, d. h. aus ganz feinen parallelen Strichen bestehende, gewellte etc.). In späteren Jahren verwandte man statt der Bleilinien meist gewalzte Messinglinien, die nicht nur wesentlich haltbarer sind, sondern auch beim Druck ein feineres Bild ergaben.


Das zum Guss von Typen verwandte Material, besonders das Blei, darf weder  arsen- noch  zinkhaltig sein, weil die Typen aufgrund der elektrochemischen Spannungsreihe ansonsten  verstärkt zur Oxidation neigen.  Auch antimonhaltiges Blei (Hartblei) darf nur mit größter Vorsicht angewandt werden. Krätzzeug aber, d. h. das aus nochmaligem Umschmelzen des beim Gießen sich auf der Pfanne bildenden Abraums gewonnene Metall, ist nur zum Guss von Ausfüllmaterial tauglich.


Eine Gieß- und Fertigmachmaschine, welche die Typen mechanisch gießt, den Anguss abbricht, die Lettern schleift, ihren Fuß ausschneidet, ihnen richtige Höhe gibt und sie schließlich reihenweise aufsetzt, wurde zuerst 1853 von J. R. Johnson in England erfunden und mit Atkinson erbaut; nachdem sich diese in einer der ersten Gießereien Londons durch jahrelangen Gebrauch bewährt hatte. Sie wurde durch Hepburn nochmals verbessert und vereinfacht und kam später auch auf dem europäischen Kontinent  unter dem Namen Komplettgießmaschine in fast  allen namhaften Gießereien zum Einsatz, nachdem auch Foucher in Paris und Küstermann in Berlin auf dem gleichen Prinzip basierende  und  verbesserte Maschinen gebaut hatten.


Sie diente vorzugsweise zum Guss von großen Mengen an Werk- und Brotschriften und liefert täglich bis zu 50,000 fertige Typen, die ohne weitere Nachbearbeitung, so wie sie aus der Maschine kamen, zum Satz verwendet werden konnten.