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Stempel AG: Klassiker in die Moderne gerettet

Die D. Stempel AG gehörte mit zu den bedeutendsten  Schriftgießereien in Deutschland. Das Unternehmen wurde am 15. Januar 1895 von David Stempel (1869–1927) in Frankfurt am Main als Offene Handelsgesellschaft (OHG) gegründet. Unternehmensziel war zunächst der  Guss von Ausschluss und Füllmaterial sowie die Herstellung von Walzenmasse und Walzen für den Buchdruckereibedarf. 1898 treten Wilhelm Cunz und Peter Scondo als Teilhaber ein. Im gleichen Jahr nimmt Stempel nach dem Ankauf der Offenbacher Schriftgießerei Juxberg-Rust die Produktion von Schriften auf.


 
 David Stempel (1869–1927)  Walter Cunz (1869–1951)

In den Folgejahren werden Handstempelschneiderei, Hausdruckerei, Buchbinderei und eine eigene Maschinenfabrik zur Herstellung von Spezialmaschinen und Hilfsapparaten für die eigene Gießerei eingerichtet.

1900 wird Stempel exklusiver Schriftenlieferant für die von der deutschen Linotype-Gesellschaft vertriebenen Matrizen der  Linotype-Setz- und Gießmaschine. Dennoch erscheinen bis 1974 fast alle Schriften auch noch für den traditionellen Handsatz.  Nach der übergangsweisen Umwandlung des Unternehmens in eine GmbH folgt 1905 die Überführung in eine Aktiengesellschaft. 1914 Übernahme der Ersten Ungarischen Schriftgießerei in Budapest, 1915 Übernahme von Roos & Junge in Offenbach. 1917 Erwerb der Mehrheitsbeteiligung an Gebr. Klingspor in Offenbach. 1918 Erwerb der Schriftgießerei Heinrich Hoffmeister Leipzig. 1919 Übernahme der Schriftgussabteilung von W. Drugulin, Leipzig.

Gemeinsam mit der H. Berthold AG wird 1927 die Schriftgießerei Poppelbaum, Wien übernommen. 1927 erwerben Stempel und Berthold Anteile an der Haas’schen Schriftgießerei in Münchenstein bei Basel. Gemeinsam mit der Bauerschen Gießerei und Berthold wird 1929 die Hamburger Schriftgießerei Genzsch & Heyse übernommen.

Die zahlreichen Übernahmen bescheren der Stempel AG zahlreiche kostbare Originalmatrizen voriger Jahrhunderte. Aus diesen Beständen werden in den folgenden Jahren unter gewissenhafter Anpassung immer wieder Klassiker in die Moderne gerettet. Zu einer solchen Neuauflage möglichst nah am Original gehören auch die auf Drucken Claude Garamonds sowie Andreas Weichsels basierenden Schriften der Garamond-Familie, die als Stempel Garamond ab 1925 erscheinen.

1941 wird die Mergenthaler Setzmaschinenfabrik Berlin, eine Tochtergesellschaft der Mergenthaler Linotype Company,

 

Brooklyn, Mehrheitsaktionär bei Stempel. In den Jahren ab 1950 erscheinen einige der wichtigsten Schriften Hermann Zapfs. So 1950 die Palatino und Gilgengart, 1952 Virtuosa und Melior, 1953 die Schmuckschrift Saphir und 1958 dann der Klassiker Optima. Mit der Diotima-Gruppe veröffentlicht auch Zapfs Frau, Gudrun Zapf-von Hesse, ab 1953 ihre Entwürfe  bei Stempel.

1954 wird die Stempel AG durch Übernahme von der Berthold AG gehörenden Anteilen Mehrheitseigner der Haas'schen Schriftgießerei AG. Die Verbindung von Stempel und Haas geht bis 1927 zurück, dem Jahr der Beteiligung der D. Stempel AG an der Haas'schen Schriftgießerei.

 


Das Eingangsportal des Firmengebäudes der Stem- pel AG an der Hedderichstraße in Sachsenhausen.

Ein absoluter Klassiker erscheint 1961 bei der Stempel AG: Die bei Haas als Neue Haas-Grotesk von Max Miedinger entworfene und nach der Übernahme unter dem Namen Helvetica weltweit wohl am erfolgreichsten vertriebene Schrift. 1967 wird mit Jan Tschicholds die von manchen immer noch als idealtypische Garamond bezeichnete Sabon vorgestellt. Sie ist eine Gemeinschaftsarbeit von Stempel, Linotype und Monotype, da die deutschen Drucker nach einer Schrift verlangten, die ohne Anpassungen auf beiden Typen von Setzmaschinen läuft.

Ab 1968 wird die Schriftträgerfertigung für den Fotosatz begonnen. Im Laufe der Jahre übernimmt die Linotype GmbH die Aktienmehrheit an der D. Stempel AG.  Im gleichen Jahr wird die Syntax von Hans Eduard Meier veröffentlicht, der schon 1955 mit den Arbeiten dafür begonnen hatte.

 

1974 erscheint mit der Present Stempels letzte Handsatzschrift. 1977 beginnt die Herstellung eigener Fotosatzgeräte wie der Stempel typomatic und digitaler Fonts für Geräte wie zum Beispiel die Linotype CRtronic. Allerdings sind zu diesem Zeitpunkt viele Unternehmen mit ihren Entwicklungen schon wesentlich weiter.

 

Digitale Schrift und Computersatz ließen die Nachfrage nach Bleisatzschriften deutlich zurück gehen. 1983 folgt die Einstellung der Produktion von Linotype-Matrizen. Die Linotype GmbH beschließt 1985 die Auflösung der Aktiengesellschaft, Stempel geht in die Liquidation; die Schriftträgerfertigung erwirbt die Linotype. 1986 Beendigung der Tätigkeit im Bereich Schriftguss. Es wird eine Schriftgusswerkstatt in Darmstadt eingerichtet, die von Rainer Gerstenberg geleitet wird. Der Vertrieb von Bleisatzschriften hat bis heute die Schriftenservice D. Stempel GmbH übernommen. Die digitalen Schriften werden indes von der Linotype GmbH in Bad Homburg vor der Höhe vermarktet.